Zeitgeschehen
06.01.09 - Exklusiv: "Handball-Magazin" Interview mit Nikola

Im zweiten Teil des Interviews im "Handball-Magazin" spricht Nikola mit Redakteur Tim-Oliver Kalle über Kiel, seine Liebe zum THW, seine Familie, die Beziehung zu seinem Bruder, seine Träume und sein Leben nach dem Handball.


"Ich muss verzichten lernen"


Gold in Peking, Champions-League-Sieger und eine Flut weiterer Titel: Nikola Karabatic fühlt sich als glücklichster Handballer der Welt. Doch auf der Höhe seines Ruhmes entdeckt der 24-Jährige Grenzen. Im exklusiven HM-Interview spricht der Spieler der Saison über den THW Kiel, körperlichen Raubbau und Familienbande

In Schönkirchen, einige Kilometer vor Kiel, pflegen sich die Stars des THW regelmäßig in einem Wellness-Zentrum. Entspannen nach dem Einsatz gegen Großwallstadt. Und ein paar Hanteln stemmen. Olympiasieger Nikola Karabatic (24) muss zuschauen. Der Franzosen ist verletzt und zudem geplagt von entzündeten Mandeln. Eine kurze Laufeinheit gönnt er sich trotzdem. Er muss fit werden für die nächsten Kämpfe um Titel.

HM: Sie haben sich wiederholt über einen kranken Spielrhythmus beklagt. Hoffen Sie noch, in Ihrer aktiven Zeit eine Besserung zu erleben?
Karabatic: Nein. Vielleicht habe ich noch zehn Jahre zu spielen, wenn der Rhythmus besser wird. Oder ich muss die Bundesliga verlassen, weil die Belastung sonst zu hoch ist. Oder auf die Nationalmannschaft verzichten. Die Verbände EHF und IHF haben wohl miteinander gesprochen, aber herausgekommen ist nur, dass sich vor 2012 nichts ändern wird, oder? Jede Saison gibt es noch mehr Spiele. Champions League, EM-Quali, Olympia-Quali – da wird nicht an die Gesundheit der Spieler gedacht. Klar ist es schön, dass es viel Handball gibt und die Leute viel sehen können. Aber irgendwann ist es zuviel. Die Spieler bezahlen dafür. Wir müssen jetzt eine Vereinigung gründen, die uns Einfluss gibt und uns verteidigen kann. Sonst wird sich nie etwas ändern.

HM: Ist die Klage denn berechtigt? Immerhin verdienen Sie dank der Vielzahl von Spielen auch viel Geld.
Karabatic: Für Sport aber auch nicht außergewöhnlich viel. Wenn wir Fußballgehälter hätten, wäre das kein Problem. Wer für die Top-Vereine der Bundesliga spielt, riskiert seine Gesundheit. Und das Risiko ist zu hoch.

HM: Bis 2012 sind Sie vertraglich an den THW Kiel gebunden und damit weiter in der Tretmühle.
Karabatic: Ich will so lange wie möglich spielen und bei allen Wettbewerben dabei sein. Verträge kann man immer aufkaufen. Momentan fühle ich mich in Kiel wohl, aber ich fange wieder bei null an.

HM: Und?
Karabatic: Wenn alles gut läuft, gibt es keinen Grund, um zu kündigen.

HM: Eine Richtung weisende Saison also, in der Sie aufmerksamer zuhören, wenn wieder Angebote aus Spanien kommen?
Karabatic: Ja, klar. Aber ich bin sowieso die nächsten beiden Jahren hier. Das ist meine Mannschaft, ich habe viele Freunde, das liegt mir am Herzen. Was passiert ist, war eine Enttäuschung für mich, aber ich werde alles dafür geben, dass es gut weitergeht. Der THW Kiel ist mein Verein und meine Mannschaft. Ich habe so viel von mir, von meinem Körper und Kopf gegeben, damit ich hier Erfolg habe und es der Mannschaft gut geht.

HM: In Kiel haben Sie neue Freunde gewonnen, aber sicherlich sind Sie in der Stadt auch ein Frauenschwarm.
Karabatic: Das ist in Kiel schwer. Die Stadt ist nicht so groß. Es gibt nicht so viele Partys für die jungen Leute. Geht man zwei-, dreimal weg, ist man schon bekannt. Da gibt es viele Neider. Man spricht viel.

HM: Ist Kiel etwa zu klein, um einfach mit einer Frau zu reden, ohne dass daraus eine Geschichte wird?
Karabatic: So ist es. Aus Frankreich habe ich das so nicht gekannt. Das ist schon ein komisches Gefühl. In Kiel muss man aufpassen, was man tut. Du kannst Dir bei einer Party nicht so viel erlauben wie in Frankreich.

HM: Haben Sie zur Zeit eine Freundin?
Karabatic: Keine Antwort.

HM: Dann erzählen Sie doch etwas über Ihre Familie.
Karabatic: Papa, Mama und mein Bruder Luca sind trotz der räumlichen Distanz zu Montpellier die wichtigsten Personen in meinem Leben. Sie geben mir viel Kraft und Selbst­vertrauen. Wir sind wie ein Clan und telefonieren jeden Tag.

HM: Ist Montpellier ein Fixpunkt für Sommerurlaube?
Karabatic: Ja, obwohl ich gern mal auf eine schöne Insel flöge. Oder Amerika, das habe ich auch noch nicht gesehen, aber ich habe nur im Sommer ein bisschen frei und nutze das immer, um meine Familie zu sehen. Allein das ist schon Urlaub für mich.

HM: Was sind daheim die schönsten Dinge für Sie? Karabatic: Wenn Luka und ich bei meinen Eltern sind. 20 Kilometer von Montpellier entfernt in einem kleinen Haus mit Pool und allem, was man braucht. Was schön ist? Papa grillt, wir sitzen einfach zusammen und reden. Diese Momente zu genießen, ist so selten. Inzwischen habe ich in Montpellier eine Wohnung gekauft, in der mein Bruder wohnt. Und wenn wir Party machen, müssen wir nicht mehr heimfahren. Das ist sehr schön.

HM: Ist es Ihr größter Traum, mit Luka zusammen in einer Mannschaft zu spielen?
Karabatic: Wir haben zusammen Tennis gelernt und auch gespielt, als ich noch gegen ihn spielen konnte. Da war er acht. Danach war er zu stark für mich, und ich wollte nicht mehr gegen ihn antreten, weil er immer gewann und ich zu sauer war. Seit einem Jahr spielt Luka wieder Handball, als Kreisläufer – und das nicht schlecht. Er arbeitet viel in Montpellier, hat bereits in der Juniorennationalmannschaft gespielt und besitzt viel Talent und Pers­pektive. Ich bin glücklich, weil ich so einen neuen Traum habe. Vielleicht klappt es in zwei, drei Jahren mit uns in einer Mannschaft.

HM: Ob sich da etwas in Kiel ergibt?
Karabatic: Das wird schwer. Wir haben Marcus und Igor. Und Milutin Dragicevic kommt 2010.

HM: Ist das Leben für Luka als kleiner Karabatic angenehm?
Karabatic: Ich glaube, es ist schon schwer, aber er ist ein sehr intelligenter Junge. Er wird damit kein Problem haben und seinen Weg machen. Luka hat aus Spaß wieder mit Handball angefangen – Tennis war zu viel Druck.

HM: Luka und Nikola Karabatic bei den Olympischen Spielen 2012 in London…
Karabatic: Warum nicht? Das ist machbar. Luca wäre 24, ein gutes Alter. HM: Wie verbringen Sie die Zeit neben dem Sport? Karabatic: Ich habe meine Internetseite, die ich mit einem Chat erweitern möchte. Fans können mir schon jetzt Nachrichten hinterlassen, obwohl es schwer ist, immer alles zu beantworten. Mit Vid und Igor spiele ich gern Play Station.

HM: Und sonst?
Karabatic: Für Kunst interessiere ich mich. Oder ich shoppe gern mal in Hamburg, ich kann das aber in Kiel nicht so oft tragen. Wenn man hier außergewöhnliche Sachen anzieht, schauen sich die Leute schon um und lachen dich fast aus. Wenn ich könnte, wäre ich jeden Tag im Anzug. Ich finde Hamburg da richtig geil. Man kann viel machen. Partys, Shoppen.

HM: Das brächte Sie ja in Versuchung, falls HSV-Mäzen Andreas Rudolph anriefe.
Karabatic: Keine Ahnung. Hamburg gefällt mir. Die haben auch eine richtig gute Mannschaft, aber wenn ich von Kiel nach Hamburg ginge, brächten mich die Leute um. In der Bundesliga gibt es für mich zurzeit nur den THW. Ich bin kein Spieler, der oft wechselt. Ich brauche einen Verein, mit dem ich mich identifiziere, an dessen Werte und Geschichte ich glaube. Kiel ist so ein Verein. Und in Europa gilt das noch für den FC Barcelona.

HM: Wie dürfen wir uns denn das Leben des Nikola K. nach der aktiven Karriere vorstellen?
Karabatic: Ich werde erstmal ein, zwei Jahre nichts machen und reisen. Am liebsten eine Weltreise mit meinem Bruder. Welcher Beruf es dann sein soll? Ich weiß es noch nicht, aber ich habe so viele Ideen in meinem Kopf. Ich glaube, ich wäre nicht der schlechteste Trainer, aber ob ich überhaupt im Handball bleibe? Ich war mit 18 Profi. Nach meiner Karriere möchte ich genug Geld zur Seite gelegt haben, um mit 35 Sicherheit zu haben und sagen zu können: Ich tue, was ich will – ohne Druck.



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